Digitale Selbstzensur

Pierre Vlček

Fotografien gelten als ideale Beweisstücke. So zum Beispiel berichten Massenmedien mit Vorliebe von Geschehnissen, von denen Foto- und Videoaufnahmen existieren.

Wenn es nur wenige gibt, werden diese Aufnahmen solange wiedergekäut, bis sie auch dem letzten Zuschauer egal sind. Und wenn es keine gibt, kommen Grafiken, 3D-Animationen, Bildkonserven oder Symbolfotos zum Einsatz. Je nach Anlass und Zielgruppe mal detailreich und mal nicht.

Das Internet-Sprichwort »pic[ture]s or it didn’t happen« scheint also zu stimmen. Und das, obwohl selbst ungestellte (bzw. unbearbeitete) Aufnahmen die Realität nie korrekt wiedergeben. Tatsächlich entscheidet nämlich in den meisten Fällen sozusagen ‘der Mann mit der Kamera‘ über das Fotomotiv und die Wirkung seiner Aufzeichnungen auf die Betrachter.

Wohl jeder Mensch (der Ersten Welt)

… besitzt Fotos, auf denen Verwandte blöd aus der Wäsche gucken, weil jemand zu zeitig oder spät auf den Auslöser gedrückt hat.

Früher einmal – so erzählt man sich – fielen diese missglückten Aufnahmen erst bei bzw. nach der Filmentwicklung auf. Die Guten wanderten in den Diaprojektor und die Grenzwertigen wurden in Schuhkartons versteckt; einzig die wirklich schlechten Fotos warf man weg.

Das Zeitalter der Digitalkameras hingegen ist gleichzeitig auch das Zeitalter der im freundlichen Tonfall gestellten Forderungen »Zeig mal her!« und »Lösch das mal bitte ganz schnell!«

Geht der Fotograf auf beide Forderungen ein, dann bekommt eine vielleicht nur auf den ersten Blick misslungene Fotografie keine Chance, zu reifen. Für sie gibt es keinen Schuhkarton. Man wird sie nie hervorkramen können, um sich an Details zu ergötzen. Nur die gestellten und von allen Anwesenden akzeptierten Aufnahmen werden im (digitalen) Album kleben. Wenn überhaupt.

Beispielsweise

… ‘macht’ sich das Foto des lächelnden Sohnes besser im Album, als der nur eine halbe Minute später entstandene Schnappschuss seines verheulten Wutausbruches. Also wird das missratene Bild gelöscht. Nicht, dass es später so aussieht, als wäre es dem Kleinen jemals schlecht ergangen.

Oder – dieses eklige, aber aufschlussreiche Beispiel aus dem Alltag der technisierten Jugend von heute passt ganz gut zum Thema – wie mies wäre es, würde man Fotos ins Netz zu stellen, die die im eigenen Erbrochenen liegende beste Freundin zeigen? Genau: Ziemlich mies!

Sobald Kumpels gesehen haben, dass man die Bewusstlose fotografiert hat, kommt erschwerend hinzu, dass dem »Zeig mal!«-Befehl wahrscheinlich die Bitte »Schick mir das mal per Bluetooth!« folgt. Oder aber, alle knippsen selbst Handyfotos, und alle Versuche, die kichernde Meute über das Recht am eigenen Bild aufzuklären, scheitern.

Langer Text, kurze Fragen: Sollten solche Bilder gelöscht werden? Oder von vornherein gar nicht zustande kommen?

Nach kurzem Nachdenken würden beide Antworten sicherlich »Ja, ganz klar.« lauten. Wenn schon fotografieren, dann wenigstens sofort wieder löschen.

Zumal die Freundin von Bekannten anhand der Kombination von Kleidung und Körperbau auch trotz eines augenverdeckenden Zensurbalkens erkannt werden würde. Und zumal Fotos rückblickend die vergangene Realität stellvertreten. Heult das Kind auf einem Foto, hatte es höchstwahrscheinlich eine traurige Kindheit.

Doch wie so oft im Leben, so ist auch hier die schnelle Antwort nicht die durchdachteste.

Die effektivste Zensur

… ist nicht erst die Entscheidung dazu, brisantes Material unveröffentlicht zu lassen, sondern bereits jene zum Verzicht auf unbequeme Bildbeweise. Und das wiederum ist Selbstzensur des lieben Friedens oder gar der politischen Überkorrektheit wegen – eine Entscheidung, die niemand leichtfertig treffen sollte.

Diese wohlmeinenden Zensurmaßnahmen sind oft besser für unseren Ruf (und den unserer Mitmenschen), als das Ausplaudern von unschicklichen oder als blamabel gebranntmarkten Vorgängen.

Nun ist es aber so, dass die Erziehung, die uns und unser soziales Umfeld geprägt hat, auf einem teilweise arg unplausiblen Regelwerk fußt. Die Grenze zwischen Tabubruch und guter Tat ist nicht immer klar erkennbar.

Wir wissen, dass unser Ruf von dem unserer Mitmenschen abhängt: Nicht jede Enthüllung wäre nötig gewesen, manch eine verstößt sogar gegen Gesetze und ab und an gibt es welche, auf die beide (oder andere) Aussagen zutreffen.

Zum Beispiel ist es keineswegs immer verwerflich, "unbequeme" Wahrheiten bekannt zu machen. Auch wenn wir dadurch unseren Job verlieren: wenn eine Enthüllung uns und andere vor Schaden bewahrt, sollten wir sie nicht länger als nötig herauszögern.

Aber wie gesagt: Ob wir das tun oder nicht, hängt von unserer Erziehung ab. Wenn jemand Angst davor hat, als Petzepetzeliese geächtet oder gar heftig verklagt zu werden, sobald er Beweise für die Umweltsünden seiner Arbeitgeber sammelt, wird er sich zweimal überlegen, damit anzufangen.

Argumente gegen Selbstzensur und Tabuthemen

  1. Die Unterdrückung, Tabuisierung und Zensur bestimmter Informationen – z.B. im Namen des "Jugendschutzes" – führt dazu, dass die meisten Menschen abwechselnd Angst davor haben, von Staat und Gesellschaft festgelegte Regeln zu verletzen und bei Tabubrüchen erwischt zu werden. Beide Ängste können Neurosen und sozialen Phobien auslösen.
  2. Ein Blick zurück in die deutsche Sittengeschichte zeigt uns, dass sich einiges verändert hat in den letzten Jahrzehnten. (Ob nun zum Guten oder Schlechten, muss jeder Bürger für sich entscheiden.) Was hierzulande erlaubt ist, wäre anderswo ein Tabubruch. Und andersherum. Ist es da nicht anmaßend, selbst jene Tabubrüche zu dämonisieren, bei denen niemand zu Schaden kommt?
  3. Worte wie Enthüllung, Entlarvung und Entdeckung weisen darauf hin, dass eigentlich nicht das belastende Foto selbst ‘unsozial’ ist, sondern höchstens(!) die zum Bildmotiv geronnene Tat/Sache. Jede Enthüllung trägt dazu bei, Tabus und Denkverbote abzubauen.

Was das mit digitaler Bildzensur zu tun hat? Alles!

Zum einen hat der technische Fortschritt hat die Angst vor vergeigten Aufnahmen und die Abscheu vor ‘unwürdigen’ Motiven schwinden lassen: Betrunkene Freundinnen, überquellende Papierkörbe oder die eigene Fußsohle – es gibt keinen Grund mehr, irgendetwas nicht zu fotografieren; Speicherkarten und Festplatten sind geduldig.

Zum anderen sind nur wenige Zensurmaßnahmen so radikal wie die Löschung einer Digitalfotografie. Die Inquisitoren beispielsweise haben es nicht vermocht, heidnische Bräuche auszumerzen. Im Gegenteil: Auf den Aufzeichnungen ihrer peynlichen Verhöre ist eine Subkultur entstanden, die es in diesem Ausmaß wahrscheinlich vor der Hexenverfolgung gar nicht gab.

Es mag vielleicht übertrieben scheinen, die Löschung übler Partyschnappschüsse mit der Inquisition zu vergleichen. Meines Erachtens ist es das jedoch ganz und gar nicht. Ich behaupte sogar, dass die vorschaufunktionsgestützte Selbstzensur weitaus gefährlicher für die Gesellschaft ist.

Denn ihrethalben kann eine Diskussion über die abgebildeten Zustände nie mehr zustandekommen, sobald der Fotograf dem freundlichen Drängen seiner Mitmenschen nachgegeben hat und nur Heile-Welt-Bilder aufbewahrt. Und wo keine Diskussion über den (Un-)Sinn von Tabuthemen stattfindet, bleibt die geistige, kulturelle und letztendlich auch gesellschaftliche Entwicklung stehen.

Das alles bedeutet jedoch nicht

…, dass ich etwas gegen die Löschung verwackelter, falsch belichteter oder sonstwie missratener Bilder habe. Oder, dass meine Festplatten vor lauter Ausschussfotos überquellen würden. Oder, dass ich erniedrigendes Material veröffentliche, weil alles andere verlogen wäre.

Keineswegs! Ich lösche Fotografien, weil sie mir nicht gefallen. Ich lasse Bekannte aufs Display schauen und beuge mich, so es denn den lieben Frieden festigt, auch der zweiten Forderung. Ich bin auch bloß ein Mensch.

— –

Anmerkungen

1.) Um eine sehr offensichtliche Spitzfindigkeit vorwegzunehmen: Auch derjenige Digitalfotograf, der sich weigert, andere Menschen aufs Display gucken zu lassen, übt Zensur aus.

2.) Zur Komasauf-Fotografie: Wer immer eine solche Aufnahme knippst, hält das Motiv für würdig, dokumentiert zu werden. Und selbst, wenn das Bild dazu dient, jemandem später zu zeigen, wie der Abend ausgeartet ist, dient es als ernüchternde(!) Diskussionsgrundlage.

3.) Der Vollständigkeit halber beende ich meinen Essay mit jenem Kommentar zum internetkritischen ZEIT-Artikel namens "Jeder ein Star?", der mich dazu inspirierte, all diese Zeilen über Digitale Selbstzensur zu verfassen:

»Der Artikel sagt nichts darüber aus warum es gefäh[r]lich oder schlimm sein soll, solche Veröffentlichungen im Internet zu machen – bis auf die Tatsache dass es ein paar Personalchefs gibt die nicht verstehen, dass man Bier trinken kann ohne gleich Alkoholiker zu sein oder sich selbst befriedigen kann ohne gleich moralisch verwerflich zu sein. Und genau um diese kleinbürgerlichen Vorstellungen aufzubrechen ist es gut dass es diese Foren gibt.«
(vondehn, 09.05.2008 um 09:37 Uhr)

Veröffentlicht am 31. Mai 2008

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