Fotografie und Publikum

Pierre Vlček

Artikelfoto

… beeinflussen einander auf vielerlei Arten.

Bild und (Seh-)Gewohnheiten

Der schwammigste Merksatz überhaupt: Schönheit und Hässlichkeit liegen im Auge der BetrachterInnen. Erziehung, Bildungsstand, Neugier, soziales Umfeld und Normen des Publikums (und auch die aktuelle Gesetzeslage) spielen wichtige Rollen bei der Herausbildung ‘eigener’ Vorlieben und Abneigungen.

Bild und Zeit

Fotografien sind Momentaufnahmen aus früheren Zeiten. Die abgebildeten Dinge und Personen sind inzwischen gealtert oder vergangen. Und je mehr Unterschiede zwischen abgebildeter Vergangenheit und betrachtender Gegenwart erkennbar sind, desto mehr Bilddetails finden Beachtung.

Bild, Ort und Anlass

Ich wette, ein im nepalesischen Bergdorf gehaltener Diavortrag über Dresden und Umgebung lockt prozentual gesehen mehr Publikum an als einer in Dresden über das Himalaya-Gebirge.

Was aber, wenn das Dresdner Publikum nur Großaufnahmen von nepalesischen Speisen vorgeführt bekommt, nachdem es zehn Euro Eintritt bezahlt hat und eigentlich Panoramen erwartet hatte? Wäre das lustig oder eine Frechheit?

Also: Wenn Fotos nicht der Erwartungshaltung ihres Publikums entsprechen, sind sie manchmal Kunst, manchmal Augenöffner und manchmal einfach nur fehl am Platz.

Bild und (fehlender) Kontext

Das Hineinlesen und Umdeuten von Bildinformationen ist für Menschen die leichteste Übung. Die Zeitschriftenregale weltweit quellen über vor – und sind verantwortlich für – Klatsch, Tratsch und Halbwahrheiten. Deren Grundlage: Schnappschüsse von Promis beim Einkauf.

Die menschliche Vorstellungskraft macht auch jene Bilder erst möglich (und nötig?), die von ihren FotografInnen von vornherein auf möglichst allseitige Verwendbarkeit hin inszeniert sind; die sogenannten Stockfotografien.

Stockfoto-Agenturen liefern den Verlagshäusern der Welt Aufnahmen von händeschüttelnden Menschen, lächelnden Schwangeren und ähnlichen Motiven, die je nach dem dazugehörigem Thema anders verstanden werden.

Bild und Wahrheit

Das Verschweigen von unbequemen Wahrheiten ist eine altbekannte und sehr beliebte Propagandatechnik. Deshalb gibt es wohl keine Brauerei der Welt, die einen prügelnden Ehemann zum Maskottchen hat, aber jede Menge Reklame, die die stimmungshebende Wirkung von Biermarke X betont.

Nicht selten dienen beigefügte Texte auch nur scheinbar dazu, mögliche Fehlinterpretationen auszuschließen, obwohl sie gedruckte Lügen sind. So etwa gibt es folgendes lustig gemeinte Postkartenmotiv wohl mit jedem Städtenamen zu kaufen:

Dresden bei Nacht

Die ‘erklärende’ Textzeile verwandelt das schwarz bedruckte Stück Pappe in eine Parodie auf die übliche Postkartenansicht der nächtlichen Stadt. (Laut Otto Waalkes ist die ostfriesische Nationalflagge übrigens ein weißer Adler auf weißem Grund.)

Bild und (gelenkte) Neugierde

Die "Mona Lisa" ist nur ein Portrait unter Zehntausenden, lockt aber dennoch jährlich Schaulustige nach Paris, weil Menschen sich im Zweifelsfall lieber auf Kunstkritiker und Hörensagen verlassen.

Je seltener das Motiv, desto egaler die Bildqualität. Fotos von prominentem Nachwuchs beispielsweise werden abgedruckt, obwohl auf ihnen dank der gesetzlich vorgeschriebenen Unkenntlichmachung nichts von Relevanz zu erkennen ist.

Zusammenfassung

Die Fotografen und Fotografinnen der Welt werden all diese Wechselwirkungen niemals völlig beeinflussen (oder auch nur bedenken) können, bevor sie die Auslöser durchdrücken und Fotografien veröffentlichen.

Auch werden sie selten wiedersprechen können, wenn jemand ihren Bildern neue Aussagen zuschreibt. Oder es stets mitbekommen, wenn man Zusammenhänge und rote Fäden in ihrem Gesamtwerk entdeckt, die den Künstlern selbst ein Leben lang nicht aufgefallen sind.

Aber das ist egal! Denn jeder Mensch, der mit einer Kamera durchs Leben und auf Motivsuche geht, ist sowieso ein Teil des Publikums. Und Teil der Handlung. Ohne Bilder und andere wiedersprüchliche Zeitzeugnisse gäbe es keinen Fortschritt.

Anhang – Weiterführende Literatur und Praxisbeispiele

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Veröffentlicht am 25. Januar 2009

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  1. Alte Fotografie-Sachbücher

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