Vier gute Gründe, hässliche Dinge zu fotografieren
Neulich wurde ich gefragt, warum viele meiner Bilder Verfallendes, Kaputtes, Hässliches und manchmal auch Abstoßendes zum Motiv haben. Ich kam ins Trudeln, denn meine Vorliebe für solche Fotomotive ist mir zwar bekannt, aber wirklich begründen hatte ich das noch nie müssen. Dieser Beitrag nun ist die ordentlich ausformulierte Fassung meines Herumgedruckses.
Erster Grund: Weil ich solche Dinge bemerke
Nur damit ich die Phrase aus dem Kopf bekomme, dass »Schönheit im Auge des Betrachters liegt«, habe ich sie soeben eingetippt. Wobei ich hinzufügen möchte, dass negative optische Wirkungen ebenfalls in der BetrachterInnen Augen liegen. Besser geschrieben in deren Erziehung, auf die sich sowieso vieles zurückführen lässt.
Die Bezeichnung Blickfang beinhaltet nämlich keine Wertung und ist einzig ein Label für Gegenstände oder Personen, die irgendwie auffallen. Diese Auffälligkeit macht sie un-/interessant und deshalb auch fotogen.
Der Witz daran: Würde ich grundsätzlich nichts Verfallenes oder ähnlich Abnormes ablichten, würde mich wohl niemand nach den Gründen dafür fragen. Vielen Menschen würde das wahrscheinlich gar nicht auffallen, obwohl auch sie im Alltag auf negativ konnotierte Blickfänge treffen.
Zweiter Grund: Ich will diese Dinge konservieren
Ob nun aus Sentimentalität, Respekt vor den Relikten der Vergangenheit oder bloßer Lust am seltenen Motiv: Fotografien sind Zeitzeugnisse, die Land und Leute so abbilden, wie ich sie später einmal gesehen haben werde.
»Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet: Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor.« Und so Fortschritt will, werden diese Momente nicht verloren gehen in der Zeit.
Die Frage, wer sich außer mir und Wayne für den Erhalt dieser Momentaufnahmen interessieren sollte, stellt sich mir nicht. Wenn es Menschen gibt, die einen Vortrag über Beatles-Ripoffs besuchen oder einen Bildband über Spielzeugroboter kaufen, finden sicherlich noch weitere Menschen Gefallen an dieser Fotografie eines Fahrradweges:
Dritter Grund: Unschöne Motive regen zum Denken an
Kaputte Dinge wurden einst benutzt und zerlebt, Menschen mit Narben haben Geschichten zu erzählen und die Zigarettenstummel vorm Wartehäusschen wurden vielleicht sogar von Mitbürgern weggeschnippt, die Graffiti und Streetart für Schweinereien halten.
Kurz gesagt: Solche Motive lassen Rückschlüsse auf die Vielschichtigkeit des Lebens zu und inspirieren eher zum Geschichtenerfinden als die x-te Makroaufnahme einer Rosenblüte oder das y-te Stockfoto von glücklichen Menschen und ihren Laptops.
Und last but not least: Weil mich ihr Anblick stört
Sigmund Freud soll einst auf die Bemerkung, dass er da ja eine mächtig große Zigarre rauche, geantwortet haben: »Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre.«.
Soll heißen: Manchmal bin ich auch nur so geschockt und aufgebracht von einem Anblick, dass ich ihn via Digitalkamera verewige und im Internet anprangere, weil dies technisch möglich ist. Ohne positive Hintergedanken oder andächtige Sekunden, wer wohl welchen triftigen Grund dafür gehabt hat, das eben Gesehene zu verursachen. Einfach aus Frust.
[ Disclaimer: Ich habe nichts gegen Rosen und lache ebenfalls von Zeit zu Zeit beim chatten.]
Veröffentlicht am 8. Dezember 2008
Stichworte: Hintergedanken • Motivwahl • Portfolio












derbaum
8. Dezember 2008was so eine hingeworfene frage auslösen kann. ich denke da schon seit jahren darüber nach und bin zu noch keinem ergebnis gekommen was für mich schlüssig ist. — deine ansichten sagen mir zu…
obwohl – oder vielleicht gerade – weil ich den halben nachmittag damit verbracht habe ein xenneunzigstes macro einer roten rose auf die karte zu bannen (allerdings aus gegebenem anlaß!).
p.s. hast du das gesehen?
Pierre Vlček
8. Dezember 2008Nein, peinlicherweise habe ich noch nicht einmal deine Feeds abonniert. Jedenfalls danke für den Dank.
(Über den M42-Adapterring schreibe ich hier demnächst mal was. When it’s done.)